Rückenschmerzen

Auf dem Weg zum Homo Sapiens
Der aufrechte Gang des Menschen, der vermutlich eine Anpassung von an Bäumen hangelnden Vorfahren ist, stellte die Natur vor ein Problem: Wie sollen obere und untere Körperhälfte stabil und trotzdem beweglich verbunden werden? Dafür waren die entsprechenden Muskeln nicht vorbereitet.
Die Evolution fand einen Kompromiss: Eine Kette von raffiniert kombinierten Einzelknochen stützt und balanciert in einer eleganten S-förmigen Krümmung den Kopf (mit dem immer wichtiger werdenden Gehirn), trägt den Oberkörper und stellt die Verbindung über das Becken zu den Beinen her. Mittelpunkt ist das Kreuzbein. Stabilisiert wird dieser bewegliche Stab durch eine bis ins kleinste durchdachte Anordnung von Bändern, Muskeln und nicht zuletzt den Bandscheiben. Es entwickelten sich kräftige Rumpf, Bein und Gesäßmuskeln. Wenn dieses sensible Gefüge aktiver und passiver Elemente an einer Stelle aus dem Gleichgewicht gerät, kann es schnell zu Problemen kommen. 
Zu wenig bedacht hat die Evolution die Bedingungen der Schwerkraft nach der Aufrichtung, die uns tagtäglich nach unten zieht. Balance und aufrechte Haltung wurden sehr wichtig.

Volkskrankheit Rückenschmerzen
Seit Ende der 50er Jahre ist das Thema Rückenschmerz im Fokus wissenschaftlicher Betrachtungen und damit keine allzu neue Errungenschaft. Erhebliche Druckschwankungen auf die Bandscheiben, verursacht durch ungünstige Körperhaltungen (Schwerkraft!) wurden als Ursache vermutet. Es entstand die Forderung nach rückengerechmen, aktivem Freizeitverhalten und ergonomischen Arbeitsbedingungen an human ausgerichteten Arbeitsplätzen. Hier liegt der Geburtsort der Rückenschulen, einem Kurskonzept rückenfreundliche Verhaltensweisen zu erlernen. Trotzdem nahmen behandlungsbedürftige Rückenbeschwerden annähernd stetig bis heute weiter zu.

Die Erkenntnis, dass die Bandscheiben haltungs- und belastungsabhängigen Druckschwankungen unterliegen, sowie die zunehmenden medizinischen Möglichkeiten der Operateure (erste Bandscheiben OP 1938!), und der Problematik bei der Diagnostik und Therapie von Rückenschmerzen führen häufig zu ausgiebiger apparativer Diagnostik mit vielen Röntgenbildern sowie Computer- und kernspintomographischen Untersuchungen. Tatsächlich werden nicht selten Auffälligkeiten der knöchernen Strukturen der Wirbelsäule sowie der Bandscheiben festgestellt. Zu häufig wird dabei ein Zusammenhang zwischen den Bandscheibenveränderungen und den Schmerzen unterstellt. Diese Perspektive führt zu vielen Bandscheiben OP´s (100000 jährlich), die nicht nur zu Verbesserungen, sondern auch zu Verschlimmerungen führen können.

Aufbau der Wirbelsäule
Durch den besonderen Aufbau der Wirbel hat die Natur gewährleistet, dass die Wirbelsäule  sowohl ihre Stütz- als auch ihre Bewegungsaufgaben optimal wahrnehmen kann. Die wichtige Stützfunktion übernimmt der Wirbelkörper, der außen durch harte Knochensubstanz begrenzt und innen mit leichtem Schwammknochen gefüllt ist. Die Bewegungen ermöglichen die kleinen Zwischenwirbelgelenke, die über Fortsätze des Wirbelbogens am Wirbelkörper befestigt sind. Die Summe aller Wirbelbögen bildet den Wirbelkanal, der das Rückenmark vor Verletzungen schützt. Durch Aussparungen im Wirbelbogen treten - in unmittelbarer Nähe zu den zwischen den Wirbeln liegenden Bandscheiben - die dicken Nervenwurzeln aus. über diese Nervenleitungen werden Nervenimpulse vom Körper zum Gehirn transportiert bzw. Nervenimpulse des Gehirns in den Körper geleitet.


Aufbau und Funktion der Bandscheiben

Damit die Wirbel nicht direkt aufeinander liegen und die starken Kräfte, die auf dem Rücken lasten, abgefangen werden, hat die Natur Stoßdämpfer in die Wirbelsäule eingebaut: die Bandscheiben. Wie Wasserkissen liegen die von Bändern festgehaltenen Zwischenwirbelscheiben zwischen den knöchernen Wirbeln und dämpfen Erschütterungen und Druckbelastungen aller Art. Nebenbei bilden die verformbaren Pufferscheiben zusammen mit den darüber- und darunter liegenden Wirbelkörpern je ein Bewegungselement und tragen dadurch zur Beweglichkeit unsere Wirbelsäule bei. Anatomisch besteht eine Bandscheibe aus einem festen äußeren Ring, dem Faserring, und einem weichen, flüssigkeitsreichen Mittelteil, dem Gallertkern. Wenn der Mensch sich gegen die Schwerkraft aufrichtet haben die Bandscheiben den Druck zu kompensieren, dadurch verlieren Sie im Laufe des Tages an Flüssigkeit und Höhe. Über Nacht (im Liegen) gleichen die Bandscheiben den Flüssigkeitsverlust wieder aus.  Dies funktioniert umso besser, je entspannter Sie schlafen.

Alterungsprozess der Bandscheiben
Ab dem 20. Lebensjahr nimmt die Wasserbindungsfähigkeit der Bandscheiben stetig ab und die äußere Hülle bekommt erste poröse Falten. Ein natürlicher Alterungsprozess der uns kleiner werden lässt hat begonnen. Dies hat mit dem Phänomen Rückenschmerzen zunächst noch nichts zu tun. Wirken zusätzlich Fehlbelastungen, beispielsweise durch Haltungsfehler oder Instabilitäten in den Zwischenwirbelgelenken, auf eine "alternde" Bandscheibe ein, kommt es zum krankhaften übermäßigen Verschleiß. Am Ende steht eine Bandscheibe, in der sich Risse und Spalten gebildet haben, die ihre Elastizität und damit ihre Funktion und Stabilität verliert. Wölbt sich der Bandscheibenkern aus dem Faserring oder durchbricht ihn sogar, spricht man von einer Bandscheibenvorwölbung (Protrusion) bzw. einem Bandscheibenvorfall (Prolaps). Dies kann zu Rückenschmerzen führen. Muss es aber nicht. Die Bandscheiben selbst haben keine Nervenanbindung und schmerzen nicht. Durch die räumliche Nähe zu den aus dem Rückenmark vortretenden Nervenbahnen kann es zu Irritationen und Schmerzen kommen.

Rückenschmerzen
Neben Kopfschmerzen, die häufig auch wirbelsäulenbedingt sein können, sind Rückenschmerzen die häufigsten Schmerzen. Über zwei Drittel der Bevölkerung wird zumindest einmal im Leben damit konfrontiert. Bei 10% der Patienten bleiben die Schmerzen jedoch länger als 6 Wochen bestehen, werden chronisch oder kommen in immer kürzeren Abständen wieder. Rückenbeschwerden sind verantwortlich für ein Viertel aller Arbeitunfähigkeitstage und damit verantwortlich für Kosten in Milliardenhöhe.

Permanente oder häufig wiederkommende Rückenschmerzen führen bei vielen Patienten zu einem Gefühl der Hilflosigkeit, oft verbunden mit Ärger, Angst und Resignation. Widersprüchliche Aussagen und Diagnosen tragen dazu meist noch bei.
Wahrgenommener Schmerz ist zunächst eine Leistung unseres Nervensystems, das uns mitteilt, dass wir etwas empfinden, das eventuell dem Körper schadet und zudem mit einer schlechten Stimmung oder mit Unwohlsein verknüpft ist. Diese Wahrnehmung kann viele Formen haben.
Die biologische Bedeutung von akuten Schmerzen ist ihre Warnfunktion. Sie sind hell, stark und lassen meist schnell wieder nach. Unsere Schmerzkontrolle werden die Schmerzen wahrgenommen, lokalisiert, verarbeitet und sofort gedämpft.
Anspannungsschmerzen, die erst wahrgenommen werden, wenn eine dauerhafte Fehlbelastung (meist der Wirbelsäule und ihrer Muskulatur) vom Körper nicht mehr hingenommen wird und die veränderte Spannung zum Schmerz wird. Diese Schmerzen  haben keine typische Warnfunktion. Sie sind dumpf, bohrend, lassen eher nicht nach und haben sich von der Schmerzkontrolle häufig befreit.
Nervenschmerzen, die im Versorgungsgebiet eines Nerven auftreten  können sich den Anspannungsschmerzen auflagern und auch mit Nervenstörungen (Gefühls- und Kraftverlust) einhergehen. Sie können akut kommen oder sich langsam aufbauen. Sie sind eher ziehend und stechend, häufig anfallsweise im Auftreten. Häufig treten Kombinationen der genannten Schmerzformen auf.

Rückenschmerzen beziehen sich auf die Wirbelsäule, also auf den zentralen Anteil des Skeletts, die zwischen den Wirbelkörpern liegenden Bandscheiben, die umgebende Muskulatur sowie Nerven, die innerhalb der Wirbelsäule und von dort zu den Armen, zum Rücken und zur Brust, und zu den Beinen laufen.
Wir wissen heute, dass eine dauerhaft angespannte Muskulatur zu einer chronischen Entzündungsreaktion führt. Dieser chronische Schmerz ist meist dumpf und bohrend. Ein körperlich oder seelisch belastendes Arbeitsverhältnis, eine schwierige Arbeitsaufgabe, eine zwischenmenschliche Konfliktsituation oder ein Trauerfall können über Monate oder sogar Jahre dauerhaft eine muskuläre Anspannung unterhalten und die körpereigene Schmerzkontrolle beeinträchtigen. Bei der Entstehung von Rückenschmerzen spielt also neben dem auslösenden Ereignis der Zustand eine wichtige Rolle, in dem uns der Schmerz trifft. 

Wie beim akuten Schmerzereignis so führt auch der chronische Schmerzzustand zu einer Aktivierung nur bestimmter Muskelgruppen: die Brust- und bauchseitige (Beuge)Muskulatur verkürzen sich, die streckseitige des Rückens verkümmert. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen kann man also meist Ungleichgewichte zwischen den Beuge- und Streckmuskeln des Rumpfes feststellen.
Diese Ungleichgewichte der Muskulatur werden durch die Monotonie unserer Lebensabläufe (immer dieselben Bewegungen am Arbeitsplatz, im Haushalt) als auch durch die einseitige Beanspruchung unserer Körperfunktionen verschlimmert: wir stehen oder sitzen jeden Tag an unserem Arbeitsplatz, wir bearbeiten immer dieselben Aufgaben. Diese einseitigen Beanspruchungen schulen nicht unsere muskulären Haltungsfunktionen, sondern sie belasten sie: die bauch- und brustseitige Beugemuskulatur des Rumpfes wird sich weiter verkürzen und die rückenseitige weiter verkümmern. Die aufrechte Haltung wird durch die einseitige Beanspruchung aus dem Gleichgewicht gebracht, ohne dass körperliche Schulungs- oder Übungsreize die verlorene Mittelstellung wiederherstellen würden.

Monotonie, fehlende körpergerechte Bewegungsreize unterhalten also muskuläre Fehlfunktionen und Fehlbelastungen. Somit können sich körperliche und seelische Anspannungen zu anhaltenden Muskelspannungen, später auch zu Schmerzen ungünstig ergänzen. Verspannte und ungeschulte Muskulatur kann nun ihre Aufgaben, nämlich die Wirbelsäule zu bewegen, zu stützen und zu schützen, nicht mehr optimal erfüllen. Der Körper meldet sich mit Spannungsschmerzen vorwiegend im Lenden-Kreuz-Bereich und im Hals-Nacken-Bereich, aber auch mit Kopfschmerzen (die meisten Kopfschmerzen sind sogenannte Spannungskopfschmerzen, die durch dauerhaft angespannte Hals-Nacken-Muskulatur unterhalten werden).

Unter dem verspannungsbedingten Verlust der muskulären Feinabstimmung der Wirbelsäule gewinnen dann die genannten altersbedingten Veränderungen der Bandscheiben an Bedeutung: unbedachte und ungesicherte Bewegungen können Entzündungsschmerzen zwischen den Bandscheiben und den Nerven auslösen, die zum Arm oder Bein ziehen und zu Arm- oder Beinschmerzen führen. Diese Nervenschmerzen wiederum haben einen ziehenden bis schneidenden, auch brennenden Charakter.

Der bandscheibenbedingte Schmerz
Ist die Bandscheibenfunktion durch übermäßigen Verschleiß beeinträchtigt, lockert sich das gesamte Bewegungselement, inklusive der angrenzenden Wirbel. Am Anfang kann die Rückenmuskulatur diesen Mangel an Festigkeit noch ausgleichen, irgendwann wird es ihr aber zu anstrengend. Die Folge: dumpfe Ermüdungsschmerzen, die sich nicht genau lokalisieren lassen. Am häufigsten treten diese Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule auf, dem untersten Abschnitt der Wirbelsäule, da hier das größte Gewicht getragen werden muß. Ermüdungsschmerzen verschwinden meist, wenn man sich schont, was auch der Grund dafür ist, daß der Arzt bei Rückenbeschwerden zuerst einmal Ruhe verordnet. Lassen sich die Schmerzen genau lokalisieren, halten sie länger an und strahlen aus (beispielsweise ins Bein), werden Nervenwurzeln durch eine Verlagerung oder Vorwölbung der Bandscheibe gereizt etwa der dicke Bein-Nerv, der Ischias-Nerv. Landläufig spricht man dann von einem Hexenschuss. Für einen Arzt sehr schwer zu diagnostizieren sind Belastungskreuzschmerzen. Sie treten in Abhängigkeit von der Körperhaltung auf und können immer wieder auftreten. Die Schmerzen gehen meistens von der Lendenwirbelsäule aus und strahlen in Po, Oberschenkel und Leisten aus. Ärzte bezeichnen diese Erkrankung als Facettensyndrom, weil die Schmerzen an den Facetten, also den einander gegenüberliegenden Oberflächen der kleinen Wirbelgelenke entstehen. Die Behandlung ist extrem schwierig.

Was tun ?
Wer seine Rückenmuskulatur in Form hält und damit die Gelenkkette der Wirbelsäule stabilisiert, kann der Zivilisationskrankheit Rückenschmerz erfolgreich entgegen steuern. Neueste Untersuchen zeigen, dass etwa 2/3 aller Fälle von Rückenschmerzen, durch psychische Ursachen hervorgerufen werden. Wer im Beruf oder privat angespannt ist, verkrampft sich nicht nur innerlich, sondern auch seine Rückenmuskulatur. Die Folge: Verspannungen, Muskelverhärtungen und dadurch bedingt Rückenschmerzen. Auch wenn der Arzt immer auch psychische Schmerzursachen in Betracht ziehen muss, ist es manchem unangenehm, auf psychische Probleme angesprochen zu werden. Umso wichtiger ist es daher, Stressfaktoren in seinem (Berufs) Leben selbst zu erkennen und aktiv anzugehen. Eine positive Lebenseinstellung, Sport und gesunde Ernährung können dann mehr helfen als jede Tablette.